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Was macht eigentlich Lord British?

Der Grund für den Wunsch von Millionen Kindern und Jugendlichen, von diesem Mann adoptiert zu werden, war sein bescheidenes Heim namens “Britannia Manor”, von dem man regelmäßig las, wenn man sich an englische Spielezeitschriften rantraute. Sein “Britannia Manor” war ein riesiger Abenteuerspielplatz, komplett mit Zugbrücke, Verließen, Fallen (angeblich war ein Gästezimmer so präpariert, daß man in einem anderen Raum erwachte als dem, in dem man einschlief), einem Turm, massenweise Geheimgängen, einem eigenem Kino und vor allen Dingen dem dort alljährlich zu Halloween stattfindenden Kostümfest, während dem er als “Lord British” (ein Spitzname, den er eigentlich wegen seines Akzentes auf der High School verpasst bekam) über das Gästevolk herrschte.

Man las damals in englischen Zeitschriften (ich komme sicher auch irgendwann dazu, mal zu erklären, warum man deutsche Spielezeitschriften in den Achtzigern nicht wirklich Ernst nehmen konnte)  wie der inzwischen altehrwürdigen Computer + Video Games lange Berichte mit vielen Bildern darüber, wie unglaublich cool Garriotts Halloweenparties gewesen sind. Leider gabs damals noch kein Internet as we know it und ich bin grade zu faul, eine der alten C+VGs zu suchen und zu scannen, aber zumindest eines der letzten Britannia Manor Events von 1994 ist richtig gut dokumentiert.

Inzwischen scheint er privat nicht mehr ganz so extravangant zu sein. Er hatte ja Anfang der Neunziger sein Origin Systems an Electronic Arts verkauft, wo man seine Fantasie und seine Ideen derart auszubremsen verstand, daß er EA schnell verließ, ohne dort auch nur ein nennenswertes Spiel zustande gebracht zu haben. Daß das allerdings weniger an Garriott lag als eben an EA, beweist er seitdem eindrucksvoll: Denn er arbeitet mit seiner Firma Destination Games in genau dem Geschäftsfeld, das er selbst am meisten prägte – den Rollenspielen. Destination ist seit 2001 der US-Partner der koreanischen NCSoft, dem inzwischen wohl bei den Rollenspiel-Fans hipsten und momentan erfolgreichsten Spielepublisher und verantwortlich für die US-Versionen von Lineage und City of Heroes. Und natürlich war es NCSoft, das mit Guild Wars eines der innovativsten und großartigsten Online-Games veröffentlicht hat, das es gibt.

Insoweit ist es erfreulich, zu sehen, daß er immer noch das tut, was er am besten kann, nämlich Millionen Menschen von jeglicher sinnvoller Tätigkeit abhalten und ihnen eine Welt zu servieren, in der es Drachen zu besiegen, epische Schlachten zu kämpfen und in Kneipen und Bars über die erlebten Abenteuer zu berichten gilt.

Ein wenig Wehmut allerdings gibt es doch, denn anscheinend ist ”Lord British”, der König von Ultima, der über zwanzig Jahre über sein Reich herrschte, für immer verschwunden. Vielleicht lebt er ja in einem virtuellen Avalon weit, weit im Westen, hinter dem Horizont des Datenmeeres, und ruht sich aus. Vielleicht wartet er aber dort auch nur, bis er wieder gebraucht wird. Dann, wenn uns die  Manager der Spielefirmen nur noch mit öder, fantasielos auf Nummer sicher gestrickter, immergleicher Massenware quälen, wird er die Rufe seiner Untertanen hören, wiederkehren und uns retten. Unser König.

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